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DER SYRIEN-KONFLIKT

STIMMEN AUS DEM KRIEG

Gefangen auf kleinstem Raum

EIN INTERVIEW MIT WISSAM ALKHALIL

Im Jahr 2011 brach in Syrien ein brutaler Bürgerkrieg aus. Mehr als eine halbe Million Menschen verloren derweil ihr Leben, über 13 Millionen Syrerinnen und Syrer waren gezwungen ihre Heimat zu verlassen, davon rund 6,8 Millionen, laut dem Amt des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR), die Syrien über die Landesgrenzen verlassen mussten. Wissam Alkhalil gewährt in einem Interview Einblicke in seine Zeit in einem syrischen Gefangenenlager. Nach sechs Monaten Folter und Gefangenschaft fand er schliesslich den Weg in die Freiheit.


VON JULIA HATZ UND RAHEL BOLLI am 07.01.2026

[...] einen Tag bevor ich entlassen wurde, habe ich akzeptiert, dass ich tot bin.

- Wissam Alkhalil

Wie entstand der Konflikt?

SOZIALE UND WIRTSCHAFTLICHE UNGLEICHHEIT

Bereits vor dem Jahr 2011, dass den Beginn des Bürgerkriegs in Syrien kennzeichnete, hatte ein grosser Teil der syrischen Bevölkerung mit Armut, hoher Arbeitslosigkeit und stetig steigenden Lebenshaltungskosten zu kämpfen. Besonders in ländlichen Regionen verschärften Dürreperioden und fehlende staatliche Unterstützung die prekäre soziale Lage. Das Machtmonopol konzentrierte sich auf eine kleine Elite, die eng mit dem Assad-Regime verbunden war. Obwohl Syrien ein multiethnischer und multireligiöser Staat ist, verschärften religiöse Spannungen das Konfliktgeschehen. Vor allem der Alawismus, eine heterodoxe Version des schiitischen Islams, stand im Gegensatz zur sunnitischen Bevölkerungsmehrheit.

DER ARABISCHE FRÜHLING, 2010

Der Syrien Konflikt begann 2011 in Folge des Arabischen Frühlings. Der sogenannte Arabische Frühling steht für Proteste und Aufstände, die ab Ende 2010 in mehreren arabischen Ländern auftraten. In Syrien richteten sich die Proteste zunächst gegen die autoritäre Herrschaft von Präsident Bashar al-Assad und die jahrzehntelange militärische Unterdrückung politischer Oppositionsgruppen. Die Protestanten in Syrien forderten neue politische Reformen, die Freilassung politischer Gefangener sowie ein Ende der Korruption und der sozialen Ungleichheit. Die Proteste wurden gewaltsam niedergeschlagen und es kam zu Massenverhaftungen und Folterungen. Es gab erste Tote bei Versammlungen durch aggressive Zerschlagungsversuche durch die syrischen Sicherheitskräfte. Auch die Demonstrantinnen und Demonstranten bewaffneten sich mittlerweile zur Selbstverteidigung. Die zu Beginn friedlichen Proteste eskalierten zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen regierungstreuen Einheiten und verschiedenen Oppositionen. Im Sommer 2011 gründeten desertierte Soldaten die Freie Syrische Armee (FSA), um die Zivilbevölkerung vor den Regierungstruppen zu schützen. Die Auseinandersetzungen entwickelten sich zu einem blutigen Bürgerkrieg.


"Wir haben elf Jahre gekämpft."

Wer Wissam Alkhalil heute begegnet, ahnt nicht, dass er als Minderjähriger Folter und Haft in Syrien überlebt hat. Der 30-jährige Bauingenieur lebt mittlerweile in Zürich.

Schon vor dem Ausbruch des Bürgerkrieges hatte sich Wissams Familie gegen die repressive Regierung aufgelehnt. Im Jahr 2008 kam sein Vater schliesslich in staatliche Gefangenschaft, aufgrund seiner regimekritischen Äusserungen in einer seiner literarischen Verfassungen. Nun lag es an Wissam und seinen acht Geschwistern, der Familie finanzielle Stütze zu bieten. So arbeitete der damals noch nicht mal 16 Jahre alte Wissam als Kurier im Zahnlabor.

Als 2011 die ersten Proteste gegen das Assad-Regime ausbrachen, schloss sich Wissam der Revolution an. «Man konnte einfach nicht still bleiben», sagt er rückblickend. Als Student postete er auf Facebook regimekritische Bilder und Kommentare. Seine regimekritischen Äusserungen brachten ihn hinter Gitter. Er wurde zusammen mit sieben Kommilitonen verhaftet und verbrachte sechs Monate in einem syrischen Gefängnis. Die Zustände dort beschreibt er als unmenschlich: 150 Menschen in einer dunklen Zelle, jeder hatte kaum mehr als einen Fliesenplatz. Geschlafen wurde im Sitzen, medizinische Versorgung gab es keine. Sieben Mitgefangene starben in seiner Zelle. Gespräche waren verboten, Folter allgegenwärtig. So berichtet er: «Ich wurde auch schon gefoltert, aber die Stimmen der Gefolterten zu hören, zu hören, wie die Leute leiden, war für mich viel schlimmer als das Foltern an sich.»

Nach sechs Monaten Haft wurde Wissam freigelassen und war schwer gezeichnet von Krankheit, Folter und Gewichtsverlust. Kurz darauf entschloss er aus Syrien zu fliehen. Zu Fuss gelangte er über Aleppo in die Türkei. Schlussendlich erreichte er Deutschland. Dort lernte er innerhalb von wenigen Monaten Deutsch, bestand die C1-Prüfung und begann ein Studium.

Trotz Integration und beruflichem Erfolg bleibt die Verbindung zu seinem Heimatland. Der Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 war für Wissam ein emotionaler Wendepunkt. «Seitdem fühle ich mich psychisch wieder frei», sagt er. Zum ersten Mal seit Jahren könne er wieder sagen, dass er Syrer sei, ohne Angst oder Scham.

Wissams Geschichte zeigt, was politische Unterdrückung, Krieg und Gewalt mit einzelnen Menschen machen kann. So trifft er die abschliessenden Worte im Interview: «Dranbleiben und menschlich sein ist das Wichtigste, finde ich…»

Die Karte zeigt zentrale Orte des Syrien-Konflikts und der Geschichte von Wissam Alkhalil

Aktuelle Lage in Syrien

Im Dezember 2024 nahmen Islamistische Rebellen unter der Führung der Miliz Hajat at-Tahrir as-Scham (HTS) ohne Widerstand weite Teile Syriens ein, darunter auch die Hauptstadt Damaskus. Das Regime endete mit der Flucht von Präsident Assad nach Moskau am 8. Dezember 2024.

07.01.2026 16:49 Uhr – Tagesschau

«Immer wieder kommt es im Nordosten Syriens zu Kämpfen zwischen Regierungstruppen und kurdischen Einheiten. Nun droht die Lage zu eskalieren: Das Militär greift kurdische Viertel in Aleppo an. Viele Einwohner müssen fliehen.

Nach erneuten Zusammenstößen zwischen kurdischen Kräften und Regierungstruppen in der nordsyrischen Stadt Aleppo hat die Übergangsregierung dort eine "begrenzte Militäroperation" angekündigt.

Ziel sei es, die Sicherheit wiederherzustellen und Zivilisten zu schützen. Es gehe um die gezielte Bekämpfung von bewaffneten Gruppen, nicht von Zivilisten, so die Übergangsregierung.»


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https://www.faz.net/aktuell/politik/thema/syrien
https://frieden-sichern.dgvn.de/konflikte-brennpunkte/syrien
https://www.tagesschau.de/ausland/asien/syrien-aleppo-kurden-100.html
https://www.uno-fluechtlingshilfe.de/hilfe-weltweit/fluechtlinge-erzaehlen
https://www.cicero.de/aussenpolitik/gefangen-syrien-alle-haben-geweint-nur-ich-nicht/58176
https://www.malteser-international.org/de/hilfe-weltweit/naher-osten/syrien/der-buergerkrieg-in-syrien-ein-ueberblick.html